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XtraBlatt 01-2014

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MENSCHEN PRAXIS Lohn der

MENSCHEN PRAXIS Lohn der Mühe ist natürlich der Erhalt einer einzigartigen Kulturlandschaft, mit duftendem Blütenmeer im Frühjahr und leuchtendem Obst im Herbst. „Da macht es auch nichts, wenn mir beim Mähen des Grases zum 25sten Mal ein Zweig ins Gesicht fliegt“, erzählt Klaus Hartmann. Das ist übrigens wörtlich gemeint, denn die heute im Ackerbau üblichen Traktoren sind unter Obstbäumen völlig fehl am Platz. Deshalb kommt auf der Wiese der 30 Jahre alte Massey Ferguson zum Einsatz. Er ist kompakt, wendig und wird mit passend dimensionierter Grünfuttertechnik ausgerüstet. „Die Schonung nicht nur der Äste und Zweige, sondern auch der Grasnarbe und der Erhalt des Pflanzenbestandes ist besonders wichtig“, hebt Klaus Hartmann hervor. Deshalb ist er auch von Kreisel- auf Scheibenmäher umgestiegen, mit einer Arbeitsbreite von „nur“ 2,40 m, aber es geht ja nicht um Schlagkraft. Logischerweise sind auch Wender und Schwader mit 4,6 m Arbeitsbreite passend dimensioniert. Wer meint, dass hier die Anbaugeräte den gleichen Oldtimerstatus haben wie der Traktor, irrt: der Schwader ist nagelneu. Passion ist schon etwas wert im Ländle. Bei allem Idealismus verliert Klaus Hartmann aber den wirtschaftlichen Aspekt nicht aus den Augen. Das Gras mäht er zweimal im Jahr und verkauft es als Heu an eine Pferdeklinik im Nachbarort, aber auch an private Abnehmer, teils sogar bis in die Schweiz. „Hier kommt es auf beste Qualität an, um gute Preise zu erzielen. Darum braucht es nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch gute Technik“, ist er überzeugt. Den zweiten Schnitt versucht Klaus Hartmann so zu takten, dass der Bestand zur Ernte die richtige Länge von etwa 10 cm hat. „Für das Auflesen des Obstes braucht es keinen Golfrasen“, fügt er verschmitzt hinzu. Fachsimpeln über Technik: Erik und Felix Hartmann sowie Krone-Berater Fabian Thomas (v.l.n.r.). NUR OBST AUS DER REGION Eine andere Erlösquelle ist das Obst selbst, allerdings nicht in Form des üblichen Mosts, sondern als Obstbrand. Für die Ernte stehen die genannten 300 Obstbäume zur Verfügung (vor allem Äpfel, Birnen und Zwetschgen, aber auch Mirabellen und Kirschen). Je nach Alternanz (Schwankung der Blüte bzw. des Fruchtertrages im zweijährigen Rhythmus), ob die Bienen im Frühjahr kalte Füße hatten oder sogar Frost die Blüten schädigt, schwanken die Erträge erheblich. In manchen Jahren gibt es sogar auch fast nur Äpfel oder nur Birnen. Äpfel gab es z.B. 2013 in Rottenburg sehr wenige, dafür Berge von Birnen – genau richtig für einen zünftigen „Williams“-Obstler. Wobei Klaus Hartmann gern auf alte, regionale Sorten setzt. „Ich finde es wichtig, für regionale Produkte auch regionale Rohstoffe zu verwenden. Leider holen Brennereien zunehmend Obstmaische aus anderen Regionen, wie etwa Südtirol, verkaufen dies dann aber als hiesige Brände. Das nützt unseren Streuobstwiesen aber gar nichts.“ Freiwillige Helfer für die Ernte zu finden, ist das nächste Problem für Klaus Hartmann, weil es aufwändig ist, Obst aus dem Gras per Hand aufzusammeln. Als Rettung erwies sich die Obstauflesemaschine, die er vor zwei Jahren gekauft hat. Sie schafft durchaus bis zu 10 t 20

NÄGELIS, PALMISCH & CO. Der eigentliche Vorgang des Brennens verlangt viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Tricks und Kniffe sind daher nicht für die Zeitung bestimmt, wie Klaus Hartmann verschmitzt einfließen lässt. Seine Brenntechnik sowie die Halle für Brennerei, Lager und Verkaufsraum sind nagelneu, weil die vorherige Anlage ebenfalls der Brandkatastrophe 2011 zum Opfer fiel. Das Kontingent seiner Brennerei beträgt 300 l reinen Alkohols. Um seine Anlage besser auslasten zu können, brennt er quasi im Lohn auch für die so genannten „Stoffbesitzer“, also Landwirte mit Streuobstwiesen und Brennrecht von rund 50 l/Jahr. Streuobstwiesen prägen die Gemarkung Oberndorf und die Region um Rottenburg/Neckar. pro Tag, und zwar ohne nennenswerte Beimengungen, wie Gras oder Äste. Aber sie ist nicht auf allen Flächen einsetzbar, sodass es doch nicht ohne Handarbeit geht. An das Obst stellt Landwirt Hartmann strenge Bedingungen, denn nur so gelingt ein guter Obstbrand: „Ich ermahne meine Helfer, nur vollreife und unbeschädigte Früchte einzusammeln. Es dürfen keine braunen, faulen Stellen zu sehen sein.“ Mit seiner Kleinbrennanlage verarbeitet Klaus Hartmann nicht nur eigenes Obst. Das Brennen beginnt allerdings nicht gleich nach der Obsternte. Zuerst wird es gemahlen, gemaischt und luftdicht in Fässern verschlossen. Die Fässer ruhen dann je nach Sorte und Umgebungstemperatur. Damit die Maische jedoch wunschgemäß gärt, braucht es mindestens 8°C. Im Gärraum ist dies der Fall, aber dort reicht der Platz nicht für die gesamte Menge. „Einige Fässer lagere ich deshalb draußen, teilweise bis zu sechs Monate. Doch es kommt nicht nur auf die Temperatur an! Steinobst wie Mirabelle, Zwetschge oder Kirsche brenne ich wegen der Blausäureproblematik früher, oft schon vor Weihnachten, während Kernobst wie Birnen, Äpfel oder Quitten frühestens ab Januar gebrannt werden“, berichtet der Landwirt. Die bisherige Brennverordnung läuft übrigens 2017 aus, was in Sachen Steuern einige Veränderungen mit sich bringt, so seine Einschätzung. Klaus Hartmann stellt sich ebenfalls darauf ein, doch er ist unbesorgt. „Ich werde vermehrt sortenreine Brände herstellen, denn diese haben mehr Qualität. Um genügend Most für einen sortenreinen Obstbrand zu bekommen, benötigt man natürlich ausreichend Obst einer Sorte. Daher pflanze ich bereits jetzt neue Bäume, wie z.B. die Birnensorten Oberösterreichische Weinbirne, Nägelisbirne oder Palmischbirne, sozusagen die schwäbische Variante der Williamsbirne. Schauen Sie sich diese Landschaft an – sie wäre nur halb so schön ohne diese wundervollen Streuobstwiesen.“ 21